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Germanisierung
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Der Begriff Germanisierung bezeichnet die weitere Verbreitung eines germanischen Volkes sowie seiner Kultur und Sprache. Das kann gewaltsam oder friedlich geschehen. Gemeint ist auch die damit oft verbundene Überformung oder VerdrĂ€ngung anderer Kulturen und Sprachen bzw. der entsprechenden Menschen.

Im linguistischen Kontext bedeutet Germanisierung von Wörtern eine Angleichung an die deutsche Sprache (Eindeutschung).

Contents

‱ Geschichte
‱ Siehe auch
‱ Literatur
‱ Film
‱ Weblinks

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Variierende Bedeutung des Begriffes

Der Begriff Germanisierung wird fĂŒr die Antike, die Völkerwanderungszeit und das FrĂŒhmittelalter vor der deutschen Reichsbildung bezogen auf alle germanischen Völker gebraucht. FĂŒr Teile des Mittelalters in Mittel- und Osteuropa sowie in der Neuzeit wird der Begriff vorwiegend fĂŒr die entsprechende Ausbreitung des deutschen Volks und seiner VorlĂ€ufervölker verwendet.

Die genaue Bedeutung dieses Begriffs kann auch in weiterer Hinsicht variieren. So kann Germanisierung die Ausbreitung einer germanischen Kultur ohne erhebliche Migration von Menschen bezeichnen. Germanisierung bezeichnet aber auch die VerdrĂ€ngung anderer Völker aus ihrem Siedlungsraum oder deren Überformung via Majorisierung durch hinzukommende Bevölkerung mit germanischen Sprachen und Kulturen.

Geschichte

Römisches Reich

In Bezug auf die römische Armee wird Germanisierung fĂŒr das kaiserzeitliche und vor allem spĂ€tantike Römische Reich diskutiert. Diese Germanisierung des Heeres fĂŒhrte, vermittelt ĂŒber die Inhaber der hohen MilitĂ€rposten, insbesondere des magister militum, die sich aus dem Heer rekrutierten, auch zu einer Übernahme mĂ€chtiger Positionen in MilitĂ€r und Politik durch Germanen (siehe auch Magister militum#Der „MilitĂ€radel“). Gleichzeitig wurde insbesondere das Westreich im Zusammenhang mit der Völkerwanderung auch konkret von germanischen StĂ€mmen nicht nur bedroht, sondern auch besiedelt. HĂ€ufig akzeptierten die Römer die germanischen Völker als Foederaten und wiesen ihnen Siedlungsgebiete innerhalb der römischen Reichsgrenzen zu.

Völkerwanderungszeit

Nach Abzug der römischen Truppen aus Britannien blieb die teilweise romanisierte keltische Bevölkerung schutzlos zurĂŒck. Die germanischen Völker der Angeln, Sachsen und JĂŒten eroberten daraufhin in einem viele Jahrzehnte dauernden Prozess und extrem blutigen Auseinandersetzungen England. Die Erinnerung an die Abwehrschlachten der Kelten hat sich in der Artus­legende erhalten. Teile von Wales, des Cornwalls, und der heute schottischen Gebiete mit ihren skotischen und piktischen Einwohnern dagegen widerstanden dem Ansturm. In der Folgezeit kam es in der Wende der SpĂ€tantike zum FrĂŒhmittelalter zu einer allmĂ€hlichen Germanisierung der ehemals keltischen Bevölkerung. Die Eroberung Englands 1066 durch die romanisierten germanischen Normannen fĂŒgte der Germanisierung Englands eine teilweise Romanisierung hinzu.

Mittelalter und Neuzeit

Von den Historikern des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts wurde der Begriff Germanisierung vorwiegend fĂŒr die Besiedlung autochthon slawischer Gebiete wie Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, Sachsen, Schlesien, Großpolen und Westpreußen, baltischer Gebiete wie z. B. der Pruzzen in Ostpreußen, sowie magyarischer und rumĂ€nischer Gebiete in Ungarn verwendet. Teilweise ging der Germanisierung die Christianisierung voran oder nebenher. Es handelte sich jedoch nicht um eine einseitige „Germanisierung“, weil der hochmittelalterliche Landesausbau in der Germania Slavica („Ostkolonisation“) unter Einbeziehung der slawischen Bevölkerung geschah, wobei gemeinsam völlig neue Siedlungsformen gefunden wurden (z. B. Rundlinge und Angerdörfer), die es in dieser Form im Altsiedelland noch nicht gegeben hatte. Jedoch verlief die Einbeziehung der slawischen Bevölkerung nicht durchgehend friedlich, wie die SlawenfeldzĂŒge Heinrichs I., der Slawenaufstand von 983 oder der Abodritenaufstand von 1066 zeigen.

GrĂ¶ĂŸtenteils wurden die deutschsprachigen Zuwanderer von den dortigen LandesfĂŒrsten, welche aufgrund von Treueiden an das Kaiserreich die Territorien als Lehen zum Regieren erhalten hatten, ins Land gerufen, um siedlungsarme oder gĂ€nzlich siedlungsfreie FlĂ€chen zu kolonisieren. Eine VerdrĂ€ngung der bereits ansĂ€ssigen Bevölkerung hĂ€tte aus Sicht der lokalen Herrscher keinen Sinn ergeben, zumal ihnen an einer möglichst hohen Anzahl von Untertanen gelegen war, die ihre Macht mehrten. Dabei gab es oft an einem Siedlungsplatz deutsche und slawische Ortsteile nebeneinander. Die Assimilierung und sprachliche Germanisierung der Slawen vollzog sich schleichend ĂŒber Jahrhunderte und wurde durch gerichtliche Verbote des Sorbischen unterstĂŒtzt. In der Lausitz konnte sich ein Teil der Sorben trotz ihrer insulĂ€ren Lage im deutschen Sprachgebiet der vollstĂ€ndigen Germanisierung entziehen, wenngleich besonders die niedersorbische Sprache heute als stark gefĂ€hrdet angesehen werden muss.

Preußen und Deutsches Kaiserreich im 19. Jahrhundert

Germanisierung der Polen

Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Vorherrschaft und des Herzogtums Warschau erhielt Preußen auf dem Wiener Kongress 1815 den Westteil der 1807 eingebĂŒĂŸten Provinz SĂŒdpreußen wieder zurĂŒck und formierte ihn zum Großherzogtum Posen. Das Großherzogtum war 1815 aus zwei Teilen gebildet worden: aus demjenigen Teil des im Zuge der zweiten Teilung Polens 1793 von Preußen annektierten und 1807 durch den Tilsiter Frieden verlorenen Gebiets, den es durch den Wiener Kongress zurĂŒck empfangen hatte, und aus demjenigen Teil des Netzedistrikts, der 1807 dem Herzogtum Warschau einverleibt worden war und den es ebenfalls zurĂŒckerhielt.cite-ref-1[1] In der Schlussakte des Wiener Kongresses hatte Preußen sich verpflichtet, den polnischen Untertanen die Bewahrung des Volkstums zu sichern und dem Großherzogtum einige wirtschaftliche Vorteile auf Gegenseitigkeit mit dem Königreich Polen zu gewĂ€hren. Das Gebiet um Schermeisel wurde hingegen in der Provinz Brandenburg eingegliedert. Der Nordwesten des vormaligen Netzedistrikts um Deutsch Krone und Flatow verblieb bei der Provinz Westpreußen, in die er 1807 umgegliedert worden war. Das Großherzogtum Posen lag, wie auch das eigentliche „Königreich Preußen“ (die Provinzen Ost- und Westpreußen), sowie das Gebiet der ehemaligen Starostei Draheim, außerhalb der Ostgrenze des Deutschen Bundes, die im Vergleich mit der Ostgrenze des Heiligen Römischen Reiches (Altes Reich) nur um die Lande Lauenburg und BĂŒtow sowie das Schermeisel-Gebiet erweitert worden war. Bei Wahlen fĂŒr die kommunale Selbstverwaltung der StĂ€dte und Gemeinden und den Provinziallandtag (poln. Sejm Wielkiego Księstwa PoznaƄskiego) und zu anderen Provinzorganen gab es hinsichtlich der Sprache der gewĂ€hlten Vertreter keine gesetzlichen Bestimmungen. Das Großherzogtum Posen war die einzige preußische Provinz mit nicht-deutscher Bevölkerungsmehrheit. Der preußische Staat behandelte seine Bewohner zunĂ€chst offiziell gleich. Die Polen erfuhren demnach im Vergleich zu den Deutschen keinerlei formelle EinschrĂ€nkungen, das Polnische wurde zunĂ€chst in Schulen und Behörden gebraucht. Auch gegenĂŒber der polnischen Oberschicht, bei der die Erinnerung an den von ihr getragenen polnischen Staat noch lebendig war, zeigte sich die preußische Politik zunĂ€chst entgegenkommend. Auch wurde der Adler des untergegangenen polnischen Staates ins Provinzwappen integriert. Am Beispiel des zum Statthalter des Großherzogtums ernannten Anton RadziwiƂƂ wird deutlich, dass Teile der polnischen Nationalbewegung bereit waren, sich mit dem preußischen Staat zu arrangieren.

Nach dem Novemberaufstand in Kongresspolen gegen die Herrschaft des russischen Zaren 1830 wurde die Sonderstellung des Großherzogtums Posen innerhalb des preußischen Staatswesens jedoch eingeschrĂ€nkt. Unter dem preußischen OberprĂ€sidenten Eduard von Flottwell intensivierte sich die systematische VerdrĂ€ngung der Polen aus öffentlichen Ämtern und der polnischen Sprache aus dem Bildungswesen. 1831 hob Friedrich Wilhelm III. die Posener Statthalterschaft auf. Dieses Vorgehen sollte auch die preußische Freundschaft mit Russland festigen, als die politisch fĂŒhrenden konservativen Kreise Preußens befĂŒrchteten, Polen könne zum Ausgangspunkt einer liberalen revolutionĂ€ren Befreiungsbewegung in Europa werden – was das Ende des Systems der Heiligen Allianz bedeutet hĂ€tte. Im Jahr 1846 wurde ein im Gefolge des Krakauer Aufstandes geplanter Aufstand polnischer Nationalisten im Großherzogtum Posen aufgedeckt. Gegen die Beteiligten kam es 1847 zum sogenannten Polenprozess. Nach dem Beginn der Revolution von 1848 kam ein Aufstand zum Ausbruch. Dieser wurde bald niedergeschlagen. Die Deutschen in der Provinz richteten sich an den Bundestag, der noch im April vorschlug, deutsche Sprachgebiete der Provinz in den nun zu bildenden deutschen Staat aufzunehmen. Die Frankfurter Nationalversammlung versuchte eine Teilung der Provinz; im Rest sollten die Polen sich selbst organisieren. WĂ€hrend der Behandlung dieser Posen-Frage wurde das Gebiet fĂŒr die Polen allerdings immer kleiner. Im nunmehr konstitutionellen Preußen wurden die letzten Reste besonderer Vorrechte des Großherzogtums Posen beseitigt und das Gebiet wie jede andere Provinz umbenannt und organisiert.

Preußen als Ganzes (und damit die Provinzen Posen und Westpreußen) wurden 1866 ein Gliedstaat des Norddeutschen Bundes und 1871 des Deutschen Kaiserreiches. Die Polen waren nun nicht mehr nur BĂŒrger des in nationaler Hinsicht zumindest nominell neutralen Preußen, sondern eine polnischsprachige Minderheit innerhalb eines sich als deutsch verstehenden Staates und sahen sich bald in mehrerlei Hinsicht gezielter staatlicher Ausgrenzung ausgesetzt. Innerhalb des deutschen Kaiserreichs betrieb das Königreich Preußen gegenĂŒber seinen BĂŒrgern polnischer Herkunft in den östlichen Provinzen Westpreußen und Posen, durch die Teilungen Polens erworben, eine Politik der ZurĂŒckdrĂ€ngung der polnischen Sprache und Kultur. Im Zuge des Kulturkampfes schwer wog die Diskriminierung des Katholizismus, dem die meisten Polen angehörten (wĂ€hrend die Deutschen in der Provinzen Posen und Westpreußen ĂŒberwiegend evangelisch waren). Der polnische Schulunterricht wurde systematisch zurĂŒckgedrĂ€ngt. 1873 wurde in der Provinz Posen und in Westpreußen Deutsch als alleinige Unterrichtssprache in Volksschulen eingefĂŒhrt, die Zehntausende von SchĂŒlern nicht verstanden. Ausnahme blieben die FĂ€cher Religion und der Kirchengesang. MieczysƂaw Halka LedĂłchowski, seit 1866 Erzbischof von Gnesen und Posen und Primas von Polen, wurde zu zwei Jahren Haft wegen Verstoß gegen den Kanzelparagraphen verurteilt und im Februar 1874 in Ostrowo inhaftiert. Pius IX. ernannte ihn im MĂ€rz 1875 zum Kardinal. LedĂłchowski wurde daraufhin freigelassen und verbannt; er ging nach Rom ins Exil. 1876 und 1877 wurde in Behörden und an den Gerichten statt der vorherigen Zweisprachigkeit nur noch das Deutsche erlaubt. Einen Umschwung gab es auch hinsichtlich des KrĂ€fteverhĂ€ltnisses zwischen den Sprachgruppen. Etwa 35.000 Polen (BĂŒrger Russlands und von Österreich-Ungarn) wurden ab 1885 bei den vor allem antipolnisch motivierten Polenausweisungen aus dem Königreich Preußen ausgewiesen, von denen etwa 10.000 polnische und russische Juden waren. War der Anteil der Deutschen bis 1890 durch Polenausweisungen sowie durch Assimilation vor allem der meisten der ursprĂŒnglich nicht wenigen polnischen Protestanten von unter 30 % auf fast 38 % angewachsen, wurde diese Entwicklung nun rĂŒcklĂ€ufig. GrĂŒnde waren zum einen die höhere Geburtenrate der Polen, zum anderen migrierten mehr Deutsche in die Industriegebiete des Reiches (damals Ostflucht genannt).cite-ref-2[2] Maßnahmen zur Erhöhung ihres Anteils, besonders die GrĂŒndung der Preußischen Ansiedlungskommission, die Land von Polen kaufen sollte und nur auswĂ€rtigen Deutschen zum Kauf zwecks Ansiedlung anbot, konnten diese Entwicklungen kaum ausgleichen, sondern verschĂ€rften den nationalpolitischen Konflikt und trieben die lange Zeit politisch passive polnische Landbevölkerung der polnischen Nationalbewegung zu; sie sehnten die Errichtung eines unabhĂ€ngigen Polen unter Einschluss Posens und Westpreußens herbei. Im Gegensatz zu den DĂ€nen stellten die Polen eine grĂ¶ĂŸere, geschlossene Gruppe dar, waren zahlenmĂ€ĂŸig stĂ€rker und wussten sich wirtschaftlich zu organisieren. Die Provinzen Posen und Westpreußens wurden zu einem Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen der polnischen Nationalbewegung und den preußischen Behörden. Je mehr Maßnahmen der Staat ergriff, desto stĂ€rker wurden die polnischen VerteidigungsbemĂŒhungen. Obwohl die Unzufriedenheit der Polen anfangs sich vor allem gegen die deutschen Behörden statt Mitbewohner richtete, wĂ€hrend das alltĂ€gliche Zusammenleben der Sprachgruppen friedlich war, dieses Ă€nderte sich nach der GrĂŒndung des Deutschen Ostmarkenvereins. Die preußische Staat versuchte, die polnische Sprache endgĂŒltig aus Schule,cite-ref-3[3] Sonntagskatechese und Verwaltung zu verdrĂ€ngen, was im Wreschener Schulstreik 1901 seinen symbolischen – und spĂ€ter romantisierten – Höhepunkt fand. Die Weigerung polnischer Kinder von Wreschen – trotz mehrstĂŒndiger körperlicher ZĂŒchtigung durch die Lehrer – in deutscher Sprache zu antworten, fĂŒhrte zur Verurteilung von 25 Personen zu Haftstrafen von insgesamt ĂŒber 17 Jahren. Dies löste eine Welle von SolidaritĂ€tsprotesten aus, die bis 1904 ca. 75.000 Kinder in 800 Schulen der Provinz Posen umschlossen. Parallel dazu sollten die polnischen Grundbesitzer vertrieben werden, teils mit gezieltem Landaufkauf, teils mit Repressalien (Hausbauverbot). Nachdem das „Gesetz, betr. die GrĂŒndung neuer Ansiedlungen“ in 1904 novelliert wurde,cite-ref-4[4] die preußischen Behörden wurden ermĂ€chtigt, das Bauvorhaben zu verhindern, um die weitere Ansiedlung von ortsfremden Polen in den preußischen Provinzen Posen und Westpreußen zu verhindern.cite-ref-5[5] Der Bauer MichaƂ DrzymaƂa bewohnte deshalb alte NebengebĂ€ude, aber die Behörden verboten ihm dort eine FeuerstĂ€tte zu betreiben.cite-ref-6[6] Daraufhin kaufte DrzymaƂa einen ausrangierten, heizbaren Zirkuswagen und ließ sich dort mit seiner Familie nieder. Um die Bauvorschriften zu umgehen, verschob er den Wagen regelmĂ€ĂŸig geringfĂŒgig innerhalb des GrundstĂŒckes. Das brachte ihm ein großes Aufsehen im damals dreigeteilten Polen ein. Bald wurde ein durch Spenden finanzierter neuer Wohnwagen gekauft. Nach einigen Jahren stĂ€ndiger Rechtsstreitigkeiten musste DrzymaƂa jedoch kapitulieren und das GrundstĂŒck 1909 wieder verkaufen.cite-ref-7[7] Als Höhepunkt wurde 1908 das Reichsvereinsgesetz erlassen, das fremdsprachige Versammlungen nur noch an Orten mit mehr als 60 % fremdsprachiger Bevölkerung erlaubte. Das sollte vor allem das polnische Vereinswesen treffen.

Germanisierung der NiederlÀnder

Die niederlĂ€ndische Sprache am Niederrhein wurde vom preußischen Staat ebenfalls bekĂ€mpft. Die relative Toleranz in Sprachfragen, die Preußen noch im 18. Jahrhundert gegenĂŒber der Verwendung des NiederlĂ€ndischen in seinen niederrheinischen Provinzen hatte walten lassen, wich im 19. Jahrhundert einer rigiden aktiven Sprachpolitik, deren Ziel die vollstĂ€ndige VerdrĂ€ngung des NiederlĂ€ndischen und die Etablierung des Deutschen als alleiniger Standard- und Schriftsprache war.cite-ref-8[8] So wurde 1827 in Kleve und Preußisch-Geldern der Gebrauch der niederlĂ€ndischen Sprache in Elementarschule und Kirche verboten.cite-ref-9[9] Mit dem Verlust der letzten öffentlichen DomĂ€nen ist das NiederlĂ€ndische auch aus der privaten Schriftlichkeit (AnschreibebĂŒcher, TagebĂŒcher, Briefe) weitestgehend verschwunden.cite-ref-10[10] Dennoch wurde im Klevischen bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein in den Kirchen niederlĂ€ndisch heimlich gesprochen und gelehrt, so dass es um 1900 noch 80.361 niederlĂ€ndischsprachige Einwohner des deutschen Kaiserreiches gab.cite-ref-11[11]cite-ref-12[12]

Germanisierung der DĂ€nen

Im gleichen Zeitraum wurde auch gegenĂŒber den DĂ€nen in dem seit dem Deutsch-DĂ€nischen Krieg 1864 deutschen Schleswig (auch SĂŒderjĂŒtland) eine repressive Sprachenpolitik ausgeĂŒbt. In Nordschleswig wurden die Schulen 1878 zur HĂ€lfte deutschsprachig, und 1888 wurde Deutsch schließlich einzige Schulsprache, mit Ausnahme von vier Wochenstunden Religion. Im gleichen Jahr schlossen die Behörden die letzte dĂ€nische Privatschule.cite-ref-13[13]

Zeit des Nationalsozialismus

Im Zuge der Volkstumspolitik, ein sogenanntes Großdeutsches Reich zu schaffen, gingen die Nationalsozialisten insbesondere in den besetzten Ostgebieten gegen Menschen und Institutionen nichtdeutscher NationalitĂ€ten und Kulturen vor und versuchten, sie zu assimilieren, zu vertreiben oder auszurotten – auch durch Völkermord. Hauptziel war es, die angestammten Sitten und Sprachen nichtdeutscher Minderheiten zu vernichten (sogenannte Entnationalisierungcite-ref-14[14]cite-ref-15[15]cite-ref-16[16]) und ein kulturell, sprachlich und „rassisch“ einheitliches deutsches Siedlungsgebiet zu schaffen.

Dieses Ziel wurde mit unterschiedlichen Maßnahmen verfolgt, :

‱ ortsumbenennungOrtsumbenennungen. Die Verdeutschung fremdlĂ€ndischer Ortsnamen stand im nationalsozialistischen Deutschland unter der FederfĂŒhrung des Reichsministeriums fĂŒr Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Davon betroffen waren zunĂ€chst vor allem slawische Ortsnamen wie in Schlesien, Ost- und Westpreußen und der Lausitz oder französische im Saarland (Saarlouis in Saarlautern). Die von den RegierungsprĂ€sidien fĂŒr die Umbenennung vorgeschlagenen Ortschaften erhielten von einer Expertenkommission bestehend aus Sprachwissenschaftlern, Lektoren und Archivaren ihren neuen germanisierten Namen. In Schlesien geschah dies bereits ab 1934 und in Ostpreußen, wo von dieser Maßnahme in manchen Landkreisen bis zu 70 % der Dörfer betroffen waren, zwischen August 1937 und Juli 1938. In den spĂ€ter besetzten Gebieten wie beispielsweise im Wartheland (ƁódĆș in Litzmannstadt) entschieden in der Regel untere Dienststellen ĂŒber die neuen Namen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den nun zu Polen und der Sowjetunion (Oblast Kaliningrad) gehörenden Gebieten die Umbenennungen der slawischen Ortsnamen revidiert und nach und nach auch die ursprĂŒnglich deutschen Namen vollstĂ€ndig den Landessprachen angepasst. In der Sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR blieb insbesondere in Brandenburg ein grĂ¶ĂŸerer Teil der germanisierten Ortsnamen erhalten, wĂ€hrend in Sachsen die meisten umbenannten Orte ihre ursprĂŒnglichen Namen zwischen 1945 und 1947 zurĂŒckerhielten.cite-ref-17[17]
‱ Verbot anderer Sprachen als der deutschen in Publikationen, in Presseerzeugnissen, Schulen und teilweise auch in Kirchen.
‱ Besonders in Polen wurden höhere Bildungseinrichtungen geschlossen und die polnischsprachige Bildungselite verfolgt und teilweise – etwa in Konzentrationslagern – ermordet. Besonders bekannt wurde auch die Verhaftung, Internierung und teilweise Ermordung der Professoren der UniversitĂ€t Krakau in der ‚Sonderaktion Krakau‘. Weiterhin wurden Schulen und UniversitĂ€ten auch in den besetzten Gebieten der Sowjetunion (Reichskommissariat Ostland, Reichskommissariat Ukraine) geschlossen. In der Lausitz wurden v. a. sorbische Lehrer und Pfarrer, die als Multiplikatoren sorbischer Sprache und IdentitĂ€t galten, in deutschsprachige Gegenden versetzt und durch Deutsche ersetzt; die TĂ€tigkeit sorbischer Organisationen und die Herausgabe sorbischsprachiger Veröffentlichungen wurden schrittweise verboten.
‱ Polen, die sich am Erhalt der polnischen Kultur beteiligten, wurden in Vernichtungslager deportiert. In den besetzten Gebieten der Sowjetunion geschah Ähnliches.
‱ Polnische, russische, belarussische und ukrainische Kinder wurden ihren Familien entrissen und gezielt in deutsche Familien gegeben, um sie kulturell zu Deutschen zu machen (siehe auch: Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle und Lebensborn).cite-ref-18[18]
‱ Nach der Rassenideologie sollten im Rahmen der Gewinnung von „Lebensraum im Osten“ die meisten Polen, Russen, Belarussen und Ukrainer umgesiedelt werden, z. T. als Landarbeiter in die eroberten Ostprovinzen, z. T. nach hinter dem Ural, wĂ€hrend eine Minderheit der Westslawen und Balten, die nach dem nationalsozialistischen VerstĂ€ndnis als rassisch wertvoll bezeichnet wurden, „germanisiert“ werden sollte. Dazu erhielten sie eingedeutschte Vor- und Nachnamen und erlangten durch Eintragung in die Deutsche Volksliste die deutsche Staatsangehörigkeit.

In Mein Kampf machte Adolf Hitler deutlich:

„Da das Volkstum, besser die Rasse, eben nicht in der Sprache liegt, sondern im Blute, wĂŒrde man von einer Germanisation erst dann sprechen dĂŒrfen, wenn es gelĂ€nge, durch einen solchen Prozeß das Blut der Unterlegenen umzuwandeln. Das aber ist unmöglich.“

Aus diesem Grund zielte die nationalsozialistische Politik nicht nur auf die sprachliche Germanisierung, sondern auch auf die VerdrĂ€ngung nichtdeutscher Völker (Polen, Russen etc.) bzw. auf deren „Eindeutschung“ bzw. „Aufnordung“ (siehe auch: Generalplan Ost, Hungerplan).

Siehe auch
Literatur

‱ Deutscher Bundestag - Wissenschaftliche Dienste - FB WD 1 Geschichte, Zeitgeschichte und Politik (Hg.): Staatliche Maßnahmen gegenĂŒber der polnischen Minderheit und den Bevölkerungen in den ĂŒberseeischen Gebieten des Deutschen Reichs 1871 bis 1918 - Dokumentation. Aktenzeichen WD 1 - 3000 - 040/18, 19. Dezember 2018. Zur Onlineversion
‱ Daniel Benedikt Stienen: Die Königliche Ansiedlungskommission fĂŒr Westpreussen und Posen (1886–1924). Organisation – Handlungsfelder – Forschungsdiskussion. In: Bulletin der Polnischen Historischen Mission (ISSN 2391-792X) Nr. 18/2023, S. 195–268. Zur Onlineversion
‱ Stichwort eindeutschen, Eindeutschung. In: Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. De Gruyter, Berlin 1998, S. 165f.
‱ K. SchĂ€ferdiek: Germanisierung des Christentums? In: Der Evangelische Erzieher. Band 48, S. 333–342.
‱ Gottfried Maron: Luther und die „Germanisierung des Christentums“. Notizen zu einer fast vergessenen These. In: ZKG 94, 1983, S. 313.
‱ Wilhelm Wichard Waldemar von Sommerfeld: Geschichte der Germanisierung des Herzogtums Pommern oder Slavien bis zum Ablauf des 13. Jahrhunderts. Duncker & Humblot, Leipzig 1896 (eingeschrĂ€nkte Vorschau)
‱ Theodor Pisling: Germanisirung oder Czechisirung? – Ein Beitrag zur NationalitĂ€tenfrage in Böhmen. Winter, Heidelberg 1861 (Online)
‱ Anonym: Das Konkordat und die K. K. Germanisierung in Ungarn – Zwei Briefe aus und ĂŒber Ungarn. Hamburg 1860 (Online).
‱ Detlef Brandes: „Umvolkung, Umsiedlung, rassische Bestandsaufnahme“: NS-„Volkstumspolitik“ in den böhmischen LĂ€ndern. Oldenbourg, MĂŒnchen 2012, ISBN 978-3-486-71242-1.

Film

‱ Blutiger Boden, deutscher Raum. Die SiedlungsplĂ€ne der SS, Dokumentarfilm, 52 min, ORF/3sat/Hengster Filmproduktion 2024, Buch und Regie: Andreas Kurz.

Weblinks

Wiktionary: Germanisierung

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Johann Gottfried Hoffmann: Die Bevölkerung des preussischen Staates nach den Ergebnissen der zu Ende des Jahres 1837 amtlich aufgenommenen Nachrichten. Berlin 1839, S. 2 (books.google.de).
cite-note-22. ↑ Egbert Weiß: Aktiv in der Monarchie. Leipziger Corpsstudenten 1807–1918. LebenslĂ€ufe der Leipziger Lausitzer. Festschrift zum 210. Stiftungsfest des Corps Lusatia Leipzig 2017, lektoriert von Hans Lipp, Helmut Weiß und Christoph Zeumer. Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch 2017, ISBN 978-3-96049-017-3, S. 112.
cite-note-33. ↑ Eliza Stehr: Das höhere Schulwesen in der Provinz Posen im Kontext preußischer Bildungspolitik und Germanisierungsbestrebungen von 1871 bis 1914. UniversitĂ€ts- und Landesbibliothek Bonn, Bonn 2023.
cite-note-44. ↑ Gesetz, betr. die GrĂŒndung neuer Ansiedlungen in den Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien, Sachsen und Westfalen. Vom 10. August 1904 (GS S. 227), digitalesammlungen.uni-weimar.de abgerufen am 23. Januar 2021.
cite-note-55. ↑ „...Insgesamt steigt der polnische Bevölkerungsanteil in der Provinz Posen sogar leicht an auf fast 60 Prozent. Die Siedlungspolitik der preußischen Regierung ist gescheitert. Im FrĂŒhsommer 1904 versucht sie nun per Gesetzesnovelle der BautĂ€tigkeit ihrer polnischsprachigen BĂŒrger einen Riegel vorzuschieben...er hat das gekauft, aber selbstverstĂ€ndlich er hat keine Genehmigung bekommen, um ein Haus zu bauen...“ Mit List und Gesetz. (Memento des Originals vom 30. Januar 2021 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutschlandradio.de DeutschlandRadio Berlin 2004; abgerufen am 23. Januar 2021.
cite-note-66. ↑ „... Darum er wohnt jetzt in Schweinestall oder in einer Scheune. Und hier ausbrach eine Kampf mit den Behörden um eine kleine Ofen, weil er möchte heizen und kochen...“ Mit List und Gesetz. (Memento des Originals vom 30. Januar 2021 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutschlandradio.de DeutschlandRadio Berlin, 2004; abgerufen am 15. Dezember 2018.
cite-note-77. ↑ DrzymaƂa erhebt gegen das Verbot Einspruch beim RegierungsprĂ€sidenten in Posen und klagt schließlich vor dem Königlich-Preußischen Oberverwaltungsgericht in Berlin. Das entscheidet im Mai 1909 letztinstanzlich 
 gibt MichaƂ DrzymaƂa Recht, indem es ĂŒber den Wagen befindet: ‚Er ist ein Transportmittel, aber kein Bauwerk im Sinne der Bauordnung...‘ Andererseits wendet es die Ansiedlungsnovelle von 1904, in der nur von WohnhĂ€usern die Rede ist, auf DrzymaƂas Wagen an, in dem es sie interpretiert: ‚Damit hat nicht jede andere Art wohnlicher Besiedelung freigegeben werden sollen, vielmehr bedarf es nach der Absicht des Gesetzes der darin vorgeschriebenen Genehmigung auch da, wo eine ...WohnstĂ€tte ...in anderer Weise als durch bauliche Anlagen beschafft wird.‘ DrzymaƂa darf sich endgĂŒltig nicht auf seinem GrundstĂŒck niederlassen. Weder in der Scheune noch in seinem Wohnwagen. Mit List und Gesetz. (Memento des Originals vom 12. Oktober 2007 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dradio.de DeutschlandRadio Berlin 2004; abgerufen am 15. Dezember 2018.
cite-note-88. ↑ Werner Besch: Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache, 3. Teilband. De Gruyter, 2003, S. 2636.
cite-note-99. ↑ Wilhelm Böttger: Land zwischen Rhein und Maas: der Linke Niederrhein. In: Monographien deutscher Wirtschaftsgebiete. Nr. 7, 1958, S. 22.
cite-note-1010. ↑ Georg Cornelissen: Das NiederlĂ€ndische im preußischen Gelderland und seine Ablösung durch das Deutsche, Rohrscheid, 1986, S. 93.
cite-note-1111. ↑ Gesellschaft fĂŒr Deutsche Sprache. In: Der Sprachdienst, Nr. 18: Die Gesellschaft, 1974, S. 132.
cite-note-1212. ↑ Michael Rademacher: Fremdsprachige Minderheiten im Deutschen Reich. Online-Material zur Dissertation, OsnabrĂŒck 2006. In: eirenicon.com. Abgerufen am 3. Januar 2020.
cite-note-1313. ↑ Gesellschaft fĂŒr Geschichte Schleswig-Holsteins (Memento vom 15. Juli 2013 im Internet Archive)
cite-note-1414. ↑ entnationalisieren. In: Wiktionary. 14. September 2023 (wiktionary.org [abgerufen am 14. September 2023]).
cite-note-1515. ↑ „Machen Sie mir dieses Land wieder deutsch“. Nationalsozialistische Germanisierungspolitik und ihre Folgen. Das Beispiel Slowenien | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation fĂŒr die Geschichtswissenschaften | Geschichte im Netz | History in the web. 14. September 2023, abgerufen am 14. September 2023.
cite-note-1616. ↑ Dietmar Brenner: Slowenien 1941 – 1945. Soll dieser Abschnitt der Geschichte neu geschrieben werden? Kapitel: Die Entnationalisierung (Diplomarbeit). Hrsg.: UniversitĂ€t Wien. Wien 2008, S. 19 bis 23 (univie.ac.at [abgerufen am 14. September 2023]).
cite-note-1717. ↑ Vgl. fĂŒr die durchgefĂŒhrten Maßnahmen in Ostpreußen Andreas Kossert: Grenzlandpolitik und Ostforschung an der Peripherie des Reiches. In: Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte. Nr. 51, 2003, S. 117–146, hier 138 ff.
cite-note-1818. ↑ Hitler's Plans for Eastern Europe. (Memento vom 9. August 2011 im Internet Archive) In: dac.neu.edu, Northeastern University, Holocaust Awareness Committee (englisch, Selections from Janusz Gumkowkski and Kazimierz Leszczynski Poland under Nazi Occupation)